
Der Personalmangel in der stationären Seniorenhilfe, aber auch die Gewissheit, das Richtige für die anvertrauten Seniorinnen und Senioren zu tun, zogen sich wie ein roter Faden durch die international besetzte Konferenz zum Thema „Kongruente Beziehungspflege“, die vom 16. bis 19. September stattfand. Gastgeber war die gemeinnützige Heimbetriebsgesellschaft des ASB. Sie hatte befreundete Einrichtungen aus Brandenburg, Slowenien und Österreich nach Homburg eingeladen. Zum vierten Mal seit 2018 tauschten sich die Teilnehmenden über den aktuellen Stand der Kongruenten Beziehungspflege in ihren Pflegeeinrichtungen aus.
Das von Rüdiger Bauer entwickelte KongruenzModell betrachtet die Beziehungspflege als ein Wechselwirkungsgeschehen. Es betrifft immer sowohl die Heimbewohner:innen als auch die Pflegekräfte. Herauszufinden, welche Gefühle bestimmte Erfahrungen bei einem Bewohner bzw. einer Bewohnerin auslösen, ist der Kern der Beziehungspflege. Wenn man die Hintergründe erkennt, kann man ein besseres Verständnis für sein Gegenüber aufbringen und weiß anhand seiner Biografie, wie man die positiven Lebensereignisse anspricht und damit Wohlbefinden fördert.
Mehr Pflegequalität und Zufriedenheit
Der ASB praktiziert das Modell in allen saarländischen Pflegeeinrichtungen und registriert einen positiven Effekt auf die Pflegequalität, insbesondere im Hinblick auf die Versorgung demenziell erkrankter Bewohner:innen. Sowohl Bewohner:innen als auch Mitarbeitende äußern eine stärkere Zufriedenheit, und Angehörige bestätigen, dass sie sich besser in den Pflegealltag integriert fühlen. ![]()
Deshalb wendet der ASB die Kongruente Beziehungspflege mittlerweile auch im Bereich der Sozialpsychiatrie an. Dort ist zu beobachten, dass „unsere psychisch kranken Bewohner eher geneigt sind, länger im stationären Bereich bleiben zu wollen“, berichtete die Einrichtungsleitung Simone Gabath. „Das bedeutet jedoch nicht, dass wir unser Ziel, die Selbstständigkeit der Bewohner wiederherzustellen, über Bord werfen.“
Als problematisch werten die deutschen Teilnehmenden die generalistische Pflegeausbildung, die im Jahr 2020 eingeführt wurde, denn die Verschmelzung getrennter Pflegeberufe zu einem Berufsbild gehe zulasten der Altenpflege. In Bezug auf die Kongruente Beziehungspflege zeigt sich, dass Auszubildende durch den Wechsel zwischen stationärer oder ambulanter Altenpflege und Klinik den Bezug zu den Heimbewohner:innen verlieren. Andererseits erleben die angehenden Pflegefachkräfte so auch, dass es im Seniorenheim im Gegensatz zum Krankenhaus noch Zeit und Gelegenheit gibt, echte Bindungen einzugehen.
Menschen für den Pflegeberuf begeistern
„Die Einführung des Kongruenz-Modells war zielführend, doch der Mangel an Pflegefachkräften belastet mittlerweile auch unsere Einrichtungen“, so ASB-Landesgeschäftsführer Bernhard Roth in seiner Bilanz. „Lange konnten wir jeden Personalabgang erfolgreich ausgleichen. Doch das ist Geschichte.“ Der ASB versucht entgegenzusteuern, zum Beispiel mit einem eigenen Tarifvertrag, der in Anlehnung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) mit der Gewerkschaft ver.di verhandelt und abgeschlossen wurde. „Das genügt nicht, um eine signifikante Verbesserung zu erzielen“, weiß Samariter Roth. „Eher könnte eine Kombination aus besseren Arbeitsbedingungen, fairer Bezahlung und einer stärkeren gesellschaftlichen Anerkennung helfen, mehr Menschen für diesen wichtigen Beruf zu begeistern.“
Ein Lichtblick ist das Haus Amandum im brandenburgischen Oranienburg, das von Rüdiger Bauer und Heidrun Berger betrieben wird. „Wir kennen keinen Fachkräftemangel“, bekräftigen beide. Flache bis fehlende Hierarchien aufseiten des Personals, ein Höchstmaß an Selbstbestimmung für die Bewohner:innen und das kollektive Ziel „gemeinsam leben“ seien ausschlaggebend für das Gelingen.
„Davon können wir in Österreich nur träumen“, so Anton Hochenburger, Heimleiter in Gramastetten: „Die Personaldecke weist Löcher auf, die durch Hilfs- oder Stützkräfte nur unzureichend gestopft werden können. Gleichzeitig nimmt die Pflegebedürftigkeit seitens der Bewohner zu, was eine subtilere Beziehungsarbeit erfordert.“ Doch der Österreicher kann auch Erfolge melden. Durch die Kongruente Beziehungspflege gelingt es immer wieder, den Einsatz sedierender Medikamente zu reduzieren oder komplett darauf zu verzichten.
Am routiniertesten läuft die Kongruente Beziehungspflege in Slowenien, wo 24 Einrichtungen eingebunden sind. Die Delegation stellte ihr Handbuch vor, das den Entwicklungsprozess dokumentiert. Auf Beschluss der Kongressteilnehmer:innen soll analog dazu ein internationales Handbuch erstellt werden. „Kongruente Beziehungspflege ist ein fortlaufender Prozess, der kein festes Endziel hat“, lautet das Fazit der Tagung. Nächster Meilenstein ist eine Videokonferenz im April 2025. Anschließend will man sich alle zwei Jahre persönlich zum Austausch treffen.
Text: Anja Kernig/Bernhard Roth